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Kommentar von Dr. Brinkmann
Städtisches Museum Göttingen

 
Wenn Ulrich Conrad von Abraham und David Roentgen spricht, jenen zu ihrer Zeit und bis heute wegen der perfekten Technik und der formalen Phantasie ihrer Arbeiten legendären Kunsttischlern und Möbelentwerfern des 18. Jahrhunderts, tut er es mit Hochachtung und Bedacht. Sie sind so etwas wie das große Vorbild, das ihm bei seiner eigenen Arbeit vor Augen steht. Vor allem die handwerkliche Präzision ihre Möbel ist es, der er nacheifert und die seinem hohen Anspruch an sich und sein Schaffen entspricht. Conrad spricht gern - augenzwinkernd - von seiner “ Leidenschaft für Holz “.
Diese Leidenschaft ist es auch gewesen, die seinen Weg zum Kunsttischler von Anfang an bestimmt hat. Conrads unnachgiebige Konsequenz in dieser Beziehung hat allerdings auch dazu geführt, dass diese Weg nicht ohne Hindernisse verlaufen ist. Eine Tischlerlehre gab er bereits mit fünfzehn Jahren wieder auf. “ Ich hatte genug von Spanplatten “, bekennt er freimütig. Sein Ausbruchsversuch führte ihn nach einigen Umwegen - Ironie des Schicksals - ausgerechnet in eine Fabrik für Spanplatten....
1976 fand er dann eine Möglichkeit wieder mit “ seinem “ Werkstoff Holz zu arbeiten, er baute im Harz Blockhäuser. Eine Facharbeiterausbildung vermittelte ihm die notwendigen Kenntnisse in den traditionellen Techniken der Kunsttischlerei, und nach seiner Gesellenprüfung ließ er sich in dem alten Plesse-Dorf Holzerode nieder, wo er bis heute lebt und arbeitet. (Seit 1990 Göttingen)
In seiner Werkstatt konnte er nun das anwenden, was er mit Engagement gelernt hatte, und die Arbeit mit den hergebrachten technischen Mitteln der Kunsttischlerei verband sich - neben restauratorischen Tätigkeiten, für die ihn eben jene Kenntnisse prädestinieren - mit dem erklärten Willen, Möbel zu bauen, die ganz seiner eigenen formalen Phantasie entsprechen, praktisch einen eigenen Möbelstil zu kreieren. Vom ersten, noch skizzenhaften Vorentwurf über die verschiedenen Phasen der Detailgestaltung entstehen die Möbel als individuelle Einzelstücke, deren Formenapparat Conrads persönliche Handschrift bis in die anscheinend nebensächlichsten kleinsten Elemente bestimmt.
Ulrich Conrads Möbel sind aus massiven Holz gebaut und entsprechen damit der herkömmlichen handwerklichen Tradition der Kunsttischlerei. Als - unsichtbares - Korpusholz dienen zumeist Fichte oder Eiche, die aussen und innen furniert werden. Die Innenfurnierung finden wir bei älteren Möbeln nur in Ausnahmefällen, da das kostbare Furnierholz gewöhnlich auf das Sichtbare am Möbelstück, sozusagen die “ Fassade “, beschränkt war. Conrads Arbeiten gewinnen dadurch nicht nur zusätzliche Preziosität und Schönheit, sondern sie entsprechen auch den heutigen raumklimatischen Gegebenheiten in unseren Wohnungen. Das massive Korpusholz ist gegen Schwankungen der Luftfeuchtigkeit besser geschützt und arbeitet weniger, Verziehungsprozesse können so vermieden werden.
Für das Sägefurnier, das Conrad in einer Stärke von mindestens 3 mm verwendet, wählt er die geeigneten Bäume selbst aus und schneidet sie in seiner Werkstatt auf die gewünschte Stärke. Seiner Überzeugung entsprechend verzichtet er mittlerweile so gut wie ganz auf die Verarbeitung tropischer Hölzer zugunsten einheimischer Sorten, deren Qualität in Farbe und Zeichnung seinen Vorstellungen und Anforderungen entspricht.
Beim Zusammenbau seiner Möbel bedient er sich der klassischen Schreinertechnik, d.h. er verzichtet gänzlich auf die Verwendung von Nägeln und Schrauben und greift statt dessen auf die traditionellen Möglichkeiten der Holzverbindungen zurück. Und es ist für ihn keine Erwähnung wert, dass er zum Zusammenfügen der Holzteile und zum Aufbringen des Furnierholzes selbstverständlich ausschließlich natürlichen Leim, nämlich Haut- und Knochenleim, anwendet.
Auch für die Oberflächenbehandlung der Möbelstücke nutzt er alte Rezepte, die sich mit dem Werkstoff Holz optimal vertragen. So bestechen seine Arbeiten neben ihrer technischen Präzision - eine Schublade an einem seiner Möbel zu ziehen und ihren glatten ruhigen Lauf zu spüren, ist geradezu ein sinnlicher Genuss - durch ihre lebendige Oberfläche, den eigentümlichen Glanz, den eine von Hand gearbeitete Schellack-Politur so unverwechselbar hervorbringt und der sich von der toten, versiegelt wirkenden Glätte der heute üblicherweise - leider häufig auch bei der “ Restaurierung “ alter Möbel verwendeten Kunststofflacke auf den erste Blick absetzt.
Vor allem aber ist es die formale Eigenständigkeit, die Ulrich Conrads Möbel als ambitionierte Arbeiten eines Künstlers erkennen lassen, der in plastischen Kategorien denkt, dabei den Aspekt des Funktionalen jedoch keineswegs außer acht lässt. Die Stücke erheben geradezu den formalen Anspruch von Skulpturen, ohne dass ihre Praktikabilität dabei an zweite Stelle rückt.
Bevorzugtes formale Element ist für Ulrich Conrad das auf der Spitze stehende Drei- oder Viereck, dass er in seinen Sitz- und Kastenmöbeln immer wieder variiert. Stützende Säulen können hinzutreten, gerade aufsteigend oder auch konkav gebogen wie eine formtreue Reminiszenz, ein geistvolles Zitat der “ Pièd-de-biche “- Form bei Möbeln des Rokoko. Die Fronten der Möbelstücke sind häufig durch Vor- und Rücksprünge in sich sensibel gegliedert und gewinnen dadurch zusätzliche Oberflächenreize, die durch die Struktur des Furniers, seine Farbigkeit und seinen Schimmer unterstrichen werden.
Den spitzigen Drei- oder Vierecken sind manchmal Kugel- bzw. Kugelsegmentformen im Sockelbereich oder als Bekrönung zugeordnet, deren weiche Krümmung kontrapunktische Wirkung entwickelt. Auch aus konstruktiven Elementen können sich bei Ulrich Conrads Arbeiten formale Besonderheiten ergeben. So bilden beispielsweise die notwendigen Abschrägungen als Auflager für die Schreibklappe an einem Sekretär einen wesentlichen Horizontalakzent an der im übrigen in ihrem Gesamtaufbau eher vertikal bestimmten Front des Möbels. Sorgsam akzentuierend verwendete Marketerien (Einlegearbeiten mit verschiedenfarbigen Hölzern) und Metalleinlagen in Messing setzen farbige und materialspezifische Akzente ganz im Sinn der traditionellen künstlerischen Möbelgestaltung. Niemals jedoch werden sie zum Selbstzweck, die grosse Form des Möbels bleibt unangetastet und bildet das Maß für den Dekor.
Das gilt auch für Einzelheiten, denen der Künstler viel Sorgfalt zukommen lässt. Rückgriffe auf die Tradition finden sich auch hier. So hat der besagte Sekretär natürlich das obligatorische “ Geheimfach “, das sich hinter einem reizvoll gestalteten “ Innenleben “ verbirgt.
Besondere Mühe verwendet Conrad auf die Beschläge, die er jeweils für das einzelne Stück entwirft. Sie sind - je nach dem beherrschenden Furnierholz - in Ebenholz oder aus vergoldeter Bronze gegossen, Zu diesem Zweck schnitzt er ein Modell, nach dessen Abdruck dann der Guss “ nach der verlorenen Form “, d.h. im Wachsausschmelzverfahren erfolgt. Auch hier kommt eine alte künstlerisch-technische Tradition zur Wirkung.
Im Gegensatz zu den großen Kunsttischler-Werkstätten der Vergangenheit, in deren Rahmen verschiedene, oft hochspezialisierte Mitarbeiter arbeitsteilig tätig waren, führt Ulrich Conrad seine Möbel eigenhändig aus, hin und wieder unterstützt von seiner Ehefrau, deren Rat und Kritik ihm für sein künstlerisches Schaffen von großer Bedeutung sind. Sein hoher Anspruch an sich selbst und an die technisch und formale Qualität seiner Arbeiten führen dazu, dass er häufig mehrere Monate an einem Möbelstück arbeitet. Die Ergebnisse - meine ich - Arbeiten von so erlesener Ausführung und formaler Originalität, wie man sie in unserer heutigen Zeit nur in Ausnahmefällen findet.

Dr. Jens-Uwe Brinkmann
Städt. Museum Göttingen
Göttingen, Sept. 1990
 
 
© 2003 - 2010
Massivholzmöbel Tischlerei Ulrich Conrad Möbel-Design, Göttingen